Laugavegur – Von Hrafntinnusker nach Álftavatn

Die Nacht auf dem Pass war stürmisch, aber der Tag mit Bewegung an der frischen Luft ließ mich schlafen wie ein Baby. Die Steinmauer um unser Zelt hat den meisten Wind abgehalten, sodass wir den Wind eher gehört als gespürt haben.

2. Etappe Kopie

Streckenlänge: 11,8 km

Höhenmeter: 350 hm bergauf, 820 hm bergab

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Um mich herum erwacht der Tag. Es herrscht geschäftiges Treiben. Die Mitwanderer sind schon dabei die Zelte zusammen zu packen oder sitzen im Windschatten über ihren Campingkochern. Wir lassen es ruhiger angehen. Die Handgriffe werden routinierter, sitzen aber noch nicht perfekt. Wo war noch gleich der Packsack mit den Kochuntensilien? Essenstüten… ja genau da. Basti kommt auch schwer in die Gänge. Irgendwann sitzen wir dann da mit unseren lauwarmen Schüsseln Haferschleim, genießen die Natur und schauen den Anderen beim Packen zu. Nur ein Zelt steht noch recht unberührt da. Wir sind also nicht die letzten! Als wir schon am Zusammenpacken sind, regt sich dann auch dort was. Es ist das Pärchen von gestern, denen wir den Weg zum Gipfel der Brennisteinsalda empfohlen haben. Sie winkt herüber, wir winken zurück. So ist der Mensch. Zuerst die Flucht in die Einsamkeit des isländischen Hochlands, um dann doch wieder den Kontakt zu seiner Spezies zu suchen. Dass sich im weiteren Verlauf des Laugavegurs daraus eine Freundschaft entwickeln würde, die bis heute anhält, hätten wir damals wohl alle nicht gedacht…

Endlich kommen wir los. Der Zeltplatz ist schon recht verlassen als wir in südliche Richtung aufbrechen. Heute dürfen wir die ganzen Höhenmeter wieder hinunter, die wir uns gestern erlaufen haben. Das Etappenziel liegt am Álftavatn-See und bis dahin geht es laut Höhenprofil stetig bergab. Dass das nur die halbe Wahrheit ist, zeigt sich bald. Das Gelände verläuft recht wellig, oft überqueren wir Schneefelder in Senken, steigen von einem Kamm in ein Zwischentälchen und auf der anderen Seite wieder hinauf. Nicht wirklich anstrengend, aber mitunter Zeitraubend. Am Ende kommen so doch wieder 350 hm zusammen. Zu Beginn nieselt es leicht, der Höhenzug liegt im Nebel. Nur ab und zu reißt der Nebel auf und lässt unseren weiteren Weg erahnen. Jetzt sind wir auch froh an den Steinmännchen. Trotz Nebel und Niesel ist die Stimmung bei uns hervorragend. Wir sind in Island, wir sind unterwegs auf dem Laugavegur und wir fühlen uns gut vorbereitet. Wir haben an Alles gedacht, sind gut ausgerüstet und freuen uns einfach, dass wir nach all dieser Vorbereitungszeit endlich unterwegs sind.

Und plötzlich reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick frei auf unser Etappenziel. Wir stehen auf dem letzten Höhenrücken, unter uns schlängelt sich ein Fluss ins Tal und am Horizont glitzert das Wasser des Álftavatn-Sees! Was für ein Anblick! Hier zu stehen inmitten dieser Landschaft, das ist das pure Glück.

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Die Größenverhältnisse täuschen dich in dieser Umgebung. Der Abstieg ist länger und steiler als gedacht. Ich bin froh, Trekkingstöcke dabei zu haben, mit denen ich etwas Gewicht und Dämpfung auf die Arme verlagern kann. Der Rucksack auf meinem Rücken schiebt ganz ordentlich. Und auch der Bach entpuppt sich beim Näherkommen als Fluss, der nicht ohne Weiteres einfach so überwunden werden kann. Von Weitem haben wir gesehen, wie es Manche mit Durchwaten versucht haben. Irgendwie habe ich aber keine Lust, so viel Aufwand zu betreiben. Soo breit ist der Fluss dann auch wieder nicht. Ich gehe ein Stück dem Ufer entlang und finde eine Stelle an der es gehen müsste. Vorsichtig balanciere ich über die Steine, auch hier helfen mir die Trekkingstöcke als “Allrad” und zusätzliche Stütze und tatsächlich kommen wir bei trockenen Fußes und ohne größeren Aufwand hinüber.

Wenig später kommt der See und die Hütte in Sicht. Das Gelände ist recht weitläufig, die Zelte sind weit über die Moos- und Grasflächen vor dem See verteilt. Die Superjeeps, die wir gestern schon in Hrafntinnusker gesehen haben parken vor de Hütte. Es gibt hier sogar Toiletten und Duschen. Eine davon hat sogar warmes Wasser, bei der anderen ist man fluchend recht schnell wieder fertig. Irgendwie haben wir es geschafft, einige Wanderer zu überholen, sodass der Platz noch recht leer ist. Wir sichern uns also wieder einen Sahneplatz in der Nähe eines kleinen Baches, setzen die Rucksäcke ab und nehmen erstmal die Beine hoch.

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Platz am Bach auf dem noch recht leeren Zeltplatz

Dann gehe ich vor zur Unterkunft der Hüttenwirtin. Wie bereits geschrieben, hatten wir von Reykjavik aus ein Fresspaket nach Álftavatn geschickt, das ich jetzt abholen wollte. “Hallo, ich möchte mein Fresspaket abholen. Nein, das war schon 4 Tage her. Ja, eine Stofftasche, beschriftet. Mmmh… komisch. Ja, ganz sicher, im BSI Buszentrum abgegeben” Hier war nichts angekommen. Die nette Hüttenwirtin telefonierte mit Reykjavik, holte einen Busfahrer an die Strippe, gab sich wirklich alle erdenkliche Mühe, aber unser Fresspaket blieb verschollen. Ihr war es unangenehmer als mir. Wir hatten gut vorgesorgt und hatten Reserveproviant dabei. Genau aus dem Grund, falls irgendetwas schief laufen sollte. Aber sie bestand darauf, uns aus ihrem Notvorrat zu versorgen und so hatten wir an dem Abend das beste Essen am Platz! Jeder einen Apfel! Einen frischen, süßen, saftigen Apfel zum Nachtisch. Und auch die Hauptspeise konnte sich sehen lassen. Schrumpelige kleine graue gefriergetrocknete Stückchen  im Plastikbeutelchen, das sich nach Zugabe von heißem Wasser in dampfende, wohlriechende Käsemakkaroni in Gemüse-Sahne-Soße verwandelte. Ein hoch auf Outdoorküche!

Abends experimentiere ich noch mit meinem extra mitgebrachten Outdoorstativ und Langzeitbelichtungen und genieße das Hier und Jetzt. Die Zwei von heute Morgen kommen vorbei und halten ein Pläuschchen. Birgit und Ulv kommen aus Berlin und gehen jedes Jahr irgendwo auf der Welt auf Trekkingtour. Meistens irgendwo im Norden. An uns vorbei rennt eine Gruppe johlender, nackter Jungs in Richtung See, springt ins eiskalte Wasser und unterhalten so den gesamten Platz. Auch diese Jungs werden wir die nächsten Tage wieder sehen.

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Es ist der zweite Abend der Tour, man erkennt Gesichter, Grüppchen finden sich, Gespräche entstehen. Ich finde diese Gruppendynamik immer wieder faszinierend und schön. Man weiß nie, was sich daraus ergibt, aber es macht immer Spaß, neue Menschen und ihre Geschichten kennen zu lernen. Ich bin gespannt auf die nächsten Tage.

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